Die KI trägt keine Schuld
Das Inventar der Illusionen
10. Januar 2026 · Guido Boyke
Ich habe Millionen von Datensätzen bereinigt. Und dabei begriff ich: Die Künstliche Intelligenz ist gar nicht das Wagnis. Sie ist lediglich die Kulisse. Das eigentliche Drama liegt im Vorgefundenen – in der Verantwortung, in der nackten Realität. Bevor man eine KI „draufsetzt", sollte man sich fünf Fragen stellen, die so schlicht wie unerbittlich sind:
Wo ist die Wahrheit gespeichert? Ruht sie in einem verlässlichen System oder bleibt sie verstreut über Tools, Listen und die flüchtigen Gedanken in den Köpfen?
Ist eure Datenstruktur aus sich heraus erklärbar? Kann ein neuer Mitarbeiter sie unmittelbar verstehen – oder bleibt sie das exklusive Privileg der „Veteranen", die das Chaos längst domestiziert haben?
Wie sauber ist der Bestand wirklich? Wann haben wir uns zuletzt die Mühe gemacht, das Überflüssige auszuscheiden, das Doppelte zu streichen, die Vielfalt zur Einheit zu führen? Oder leben wir längst in einem Sediment aus vergessenem Ballast?
Wer übernimmt die Obhut? Gibt es ein Gesicht, einen Namen, ein Mandat? Jemandem, dem man die Qualität anvertraut hat, ausgestattet mit der Macht und den Mitteln, die Form zu wahren?
Wie wird die Intelligenz kontrolliert? Welche Instanzen der Prüfung haben wir errichtet? Wo sind die Feedbackschleifen, die Korridore der Eskalation, wenn die Maschine beginnt, sich in ihren eigenen Halluzinationen zu verlieren?
Das Scheitern ist keine Frage der Technik. Es ist die Kapitulation vor der ersten Instanz: der eigenen Unordnung. Und oft scheitert man noch davor: an der intellektuellen Redlichkeit, die Unordnung nicht hinter Rhetorik zu verstecken.
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