Die Architektur der Gewohnheit
Warum ich das Blaue Reich nicht verlasse
15. Januar 2026 · Guido Boyke
Mein Verhältnis zu meinem „winzig weichen" Office ist kein funktionales, es ist ein habituelles. Es ist die Vertrautheit mit jenem spezifischen Blau der Titelleiste, das mich morgens begrüßt wie die Wandfarbe eines Zimmers, in dem man seit Jahrzehnten die immergleichen Gedanken denkt. Ich öffne nicht bloß das vertraute Pergament des Weltkonzerns, um zu arbeiten; ich betrete eine vertraute Geografie. Es ist ein Raum, dessen Staub ich kenne und dessen Zugluft ich lieben gelernt habe. Es ist wie mit einer alten Schulturnhalle: Sie mag etwas schimmelig und nach altem Schweiß riechen, aber sie bleibt doch der Ort der prägenden Erinnerungen – bis hin zum ersten Kuss hinter dem Sprungkasten in der fünften Klasse.
Man rät mir zur „Open-Source-Bewegung". Ein Wort wie ein politisches Manifest, das nach kalten Pommes und ideologischem Eifer schmeckt. Diese Alternativprogramme besitzen eine irritierende Reinheit, die sterile Effizienz von Laboren. Mir fehlt dort die angenehme Schwere des Etablierten. Ein Programm, das von Idealisten in ihrer Freizeit perfektioniert wurde, ist mir unheimlich. Warum tun Menschen so etwas? Ich misstraue einer Software, die keine Shareholder hat, die nachts unruhig schlafen müssen. Ich brauche das Gefühl, dass mein Schreibfluss auf den Grundpfeilern eines Weltkonzerns ruht, nicht auf dem flüchtigen Wohlwollen von Freiwilligen.
Es ist die Ästhetik des „Ribbons", dieses Menübandes, das sich wie eine Gebirgskette über meinen Text legt. Ich habe Jahre gebraucht, um diese Gipfel erfolgreich zu ignorieren. Jetzt, da ich sie blind „nicht-sehe", soll ich in eine Welt wechseln, in der die Knöpfe die Anmutung von billigem Plastikspielzeug haben? Es geht mir um die Haptik des Visuellen. In meinem winzig weichen Office hat jedes Icon eine satte Trägheit. In anderen Programmen wirkt alles so flüchtig, als würde es sich auflösen, wenn man einmal zu fest auf die Maus drückt.
Oft verbringe ich Stunden damit, Dokumente einfach nur zu betrachten, ohne ein Wort zu schreiben. Ich genieße die Art und Weise, wie der Cursor blinkt – mit einer stoischen Geduld, die mir sagt: „Ich warte, aber ich beurteile dich nicht." In anderen Programmen blinkt der Cursor vorwurfsvoll, beinahe aktivistisch. Dort schwingt eine unerträgliche Aufforderung zur Modernität mit, die meiner melancholischen Veranlagung zutiefst widerspricht.
Das Abonnement-Modell ist für mich kein Ärgernis, sondern eine Form der rituellen Sicherheit. Monat für Monat wird ein kleiner Betrag in den digitalen Klingelbeutel gelegt. Es ist die Pacht für mein digitales Exil. Es gibt mir das beruhigende Gefühl, Teil einer Weltgemeinschaft der Leidenden zu sein. Wer nichts bezahlt, ist im Grunde ein digitaler Obdachloser, ein Wanderer ohne feste Adresse. Ich hingegen habe einen Mietvertrag mit dem Fortschritt abgeschlossen, auch wenn ich die neuen Zimmer, die man mir ständig anbaut, niemals betreten werde.
Man sagt mir, die Welt da draußen sei schneller, schlanker, transparenter. Aber wer will schon Transparenz, wenn er die Geborgenheit einer vertrauten Überfrachtung haben kann? Mein Office ist wie eine jener Kneipen, an deren Decke alte Musikinstrumente und der verstaubte Krimskrams vergessener Flohmarkt-Auktionen hängen. Ich bleibe in meiner Kathedrale aus Menüunterpunkten und überflüssigen Features. Ich bin nicht nur ein Nutzer, ich bin ein Alteingesessener. Und ein Anwohner zieht nicht um, nur weil das Haus gegenüber neuerdings keine Miete kostet. Das wäre eine Kapitulation vor der Logik – und die Logik war noch nie ein guter Ratgeber für ein erfülltes Leben am Schreibtisch.
Achtung: Jegliche Ähnlichkeit mit einer sachlichen Berichterstattung ist rein zufällig und wird hiermit ausdrücklich dementiert.
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