KI-Bingo

07.01.2026 · Guido Boyke

KI-Bingo

Es gibt Branchen, die ihre Ratlosigkeit in Sprache kleiden.

Künstliche Intelligenz ist sicherlich eine davon.

Man sitzt in Meetings, jemand sagt "Agentic Workflow", und alle nicken, als hätte er etwas gesagt. Dabei hat er nur ein Wort benutzt, das klingt, als wüsste er etwas. Das ist der Trick: Man spricht nicht über das, was man tut, man spricht über das, was man zu tun vorgibt.

Der "Agent" zum Beispiel. Ein sehr schönes Wort. Es riecht nach Autonomie, nach Handlungsmacht, nach Hollywood, nach einem Wesen, das Entscheidungen trifft. Mit er gewissen Lizenz. In Wahrheit ist es meist ein Ablauf: ein Modell, das nacheinander Tools anstößt: CRM öffnen, Ticket schreiben, Mail formulieren, Rückfrage stellen, auf Freigabe warten. Aber „Ablauf mit Freigabe" klingt nach Arbeit. Es klingt banal.

"Agent" klingt nach Zukunft.

Oder die „Halluzination". Man hat sich entschieden, den Fehler poetisch zu nennen. Als träume die Maschine. Als hätte sie Visionen. Dabei behauptet sie Dinge ohne Grundlage. Keine Lüge, aber auch keine Wahrheit. Und niemand hat das System so gebaut, dass es konsequent nicht behauptet, was es nicht weiß. "Halluzination" ist das Wort, mit dem man den Vorwurf vermeidet.

Buzzwords sind die höfliche Form der Ahnungslosigkeit. Sie erlauben, über etwas zu sprechen, ohne es verstanden zu haben. Sie ersetzen die Frage durch die Behauptung. Und sie schützen vor dem Eingeständnis, dass man vielleicht gar nicht weiß, was man da eigentlich baut.

Die ehrlichen Fragen sind andere: Was genau wird hier automatisiert? Wer haftet, wenn es schiefgeht? Wie oft liegt das System daneben? Aber diese Fragen sind unbequem. Sie verlangen Antworten. Buzzwords verlangen nur Nicken.

Vielleicht ist das der eigentliche Gradmesser für Reife: Wenn Menschen anfangen, weniger über "Agenten" zu sprechen und mehr über Fehlerquoten. Wenn sie „production ready" sagen und damit nicht meinen: Es stürzt nicht sofort ab.

Bis dahin bleibt uns das Bingo.

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