Loslassen zulassen
Juli 2017 · Guido Boyke
Je mehr Speicherplatz eine Festplatte bietet, desto mehr Daten speichern die Leute. Unzählige E-Mails der letzten Jahre, zahllose weitere Dokumente, Fotos, Chat-Protokolle, Videos. Ich frage mich: Muss das sein? Und fordere: mehr Mut zum Löschen und Vergessen.
Ich gebe zu, ich bin vergesslich. Einkaufszettel, To-do-Listen gehören zu meinem Alltag. Für Menschen wie mich wurden diese kleinen gelben Zettel erfunden.
Über diesen Umstand habe ich nachgedacht und bin zu einem anderen Ergebnis gekommen. Schließlich kann man diese als Einschränkung empfundene Eigenschaft auch als Fähigkeit sehen.
War was?
Vergessen zu können, wirklich vergessen zu können, kann auch ein Segen sein. Das Gehirn muss nicht jede einzelne Wahrnehmung verarbeiten und speichern – und kann damit seine Kapazität für wichtigere Denkprozesse bereitstellen.
In der Vergangenheit mussten wir uns im Vergleich zu heute sehr wenige Dinge merken. Es war einfach nicht überlebenswichtig, Tausende von kleinen Details abrufbereit im Kopf zu haben.
Sammeln, sortieren, speichern, abrufen
Heute können wir unserer vermeintlichen Schwäche mit technischen Hilfsmitteln entgegenwirken. Speicher ist billig, und Informationen werden zunehmend digital zur Verfügung gestellt.
Nun ist es aber so, dass wir diese neuen Möglichkeiten nicht nutzen, um das Notwendige an Informationen elektronisch zu verwalten, sondern wir erliegen der Versuchung, möglichst alle Informationen lückenlos zu erfassen, zu archivieren und so für immer verfügbar zu machen.
Der Wert des Vergessens
Menschen vergessen nun mal, und sie haben Strategien entwickelt, damit zu leben. Auch ermöglicht das Vergessenkönnen, über schlimme Dinge hinwegzukommen. Vergessen ist geradezu überlebenswichtig.
Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht vergessen können. Diese Unfähigkeit, Dinge zu vergessen, führt zu einer ständigen Aufgewühltheit und Rastlosigkeit. Alte Bilder tauchen immer wieder auf und verwehren damit den Blick auf die Gegenwart.
Alles muss raus
Ich für meinen Teil halte diese Archivierungswut für entbehrlich. Vor ein paar Wochen habe ich erst einmal alle E-Mails gelöscht, die älter als zwei Jahre waren. Das war mehr als ein Gigabyte.
Ich wollte noch etwas Abschließendes sagen, ein ganz schlaues Zitat, aber auch das habe ich leider vergessen. Gott sei Dank.
My two cents.
Guido Boyke
Dieser Artikel ist in seiner Ursprungsform zum ersten mal 2008 im Pisto-Magazin erschienen.
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