Vom Scheitern

September 2017 · Andreas Dölling

Scheitern?!! Wat will der denn jetzt?! – In einem Blog, das im Untertitel auf Start-ups verweist, einen Artikel ausgerechnet übers Scheitern zu bringen, das klingt ein bisschen seltsam.

Aber keine Bange, ich werde Sie weder mit seelsorgerischer Problemwälzerei noch mit larmoyanter Nabelschau behelligen. Ich bin nur schlicht der Auffassung, dass Scheitern ein Thema ist, das für Gründer ähnlich wichtig ist wie Finanzierung oder Marketing.

Zunächst einmal ist Scheitern nichts Anrüchiges. Scheitern kann nur, wer etwas gewagt hat. Je passiver ich bin, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ich so richtig vor die Wand laufe. Sagen wir mal so: ein Stück Torte hat auch eine makellose Bilanz, was das Scheitern angeht.

Too Cool to Fail – Ich behaupte, dass Gründer sich also mit dem Scheitern auseinandersetzen sollten. Seltsam klingt das ja nur deshalb, weil das Scheitern mit einem Tabu belegt ist. Wir sprechen nicht darüber. Und wir möchten auch ungern andere darüber sprechen hören.

Und da sind wir bei dem, worum es mir geht. Bei diesem blödsinnigen Gleichsetzen von Scheitern mit Versagen, mit Schwäche, mit Dummheit. Wenn wir uns umschauen, dann sehen wir, dass wir alle uns permanent als Gewinner darstellen. Wir sind ein Heer von Gewinnern, immer lächelnd, strahlend, positiv. Ganz besonders in der Web-Branche. Und wir alle wissen natürlich ganz genau, dass das nicht stimmt.

Ich scheitere, also bin ich! Scheitern gehört dazu! Leben und Schaffen ist ständig von Scheitern begleitet. Beziehungen können zerbrechen, Schulabschlüsse und Fahrschulprüfungen können misslingen, Zeichnungen oder Texte können danebengehen, Investitionen in die Binsen gehen.

Es sollte ganz normal sein, dass uns Dinge auch misslingen können und dass wir dann damit offen umgehen. Es gibt einen Mittelweg zwischen vorbehaltloser Selbstentblößung und eisernem Verschweigen.

Nun sag, wie hast du's mit dem Scheitern? Für Gründer hat ein offener Umgang mit dem Scheitern zwei Perspektiven, die beide wichtig sind.

Zum einen ist es keine schlechte Idee, beim Kopfsprung ins unternehmerische Wagnis das Szenario eines Fehlschlags auch durchzuspielen. Wer das Risiko sehr genau kennt, ist viel gelassener und kann sich ganz auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren.

Zum anderen ist es für Gründer enorm ermutigend und gleichzeitig lehrreich, vom Scheitern anderer Gründer zu erfahren. Zu hören, worüber sie gestolpert sind, was sie als Gegenmaßnahmen versucht haben, wie sie anschließend weitergemacht haben – das alles ist ungemein wertvoll.

Schacka! Es spricht alles gegen den quälend langweiligen Mummenschanz der allgegenwärtigen Dauergewinner und Ewiglächler. Diese Verstellerei bringt nichts, kostet aber einiges.

Wer weiß, vielleicht führt ein Enttabuisieren des Scheiterns ja auch dazu, dass wieder mehr junge und nicht so junge Menschen etwas wagen, unternehmerisch, als Künstler, als Publizisten.

My two cents.

Andreas Dölling

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